Bildungs(un)gerechtigkeit in Deutschland: Wie kann man Chancengleichheit im Bildungswesen für Kinder verbessern?

von Vera Freundl, Katharina Wedel, Raphael Brade und Moritz Seebacher, ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München

Bildung ist essentiell, um Kompetenzen zu vermitteln und die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. So führt jedes zusätzliche Bildungsjahr zu etwa 10% mehr Einkommen (Hanushek et al., 2015). Ebenso hängt Bildung positiv mit der Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit zusammen (Oreopoulos und Salvanes 2011). Bei einer ungerechten Chancenverteilung ist der Zugang zu den positiven Erträgen von Bildung jedoch nicht für alle Personen gleichermaßen gegeben und die Schere zwischen Besser- und Schlechterverdienenden kann dauerhaft auseinander klaffen.

Wir verstehen unter Chancenungleichheit, wenn Bildungserfolg von Dimensionen abhängt, die nicht von der individuellen Person beeinflusst werden können (z. B. Geschlecht, Herkunft oder familiärer Hintergrund; Roemer und Trannoy, 2016). Auch in Deutschland ist Bildungsungerechtigkeit ein Problem, das oft bereits im Kindesalter auftritt: Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei 21,5 %, wenn ein Kind mit einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel und mit Migrationshintergrund aufwächst. Wenn ein Kind hingegen mit zwei Elternteilen mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel und ohne Migrationshintergrund aufwächst, liegt sie bei 80,3 % (Wößmann et al., 2023).

Die Forschung zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, um Chancenungleichheit entgegenzuwirken. Leistungsschwächere Schüler:innen profitieren von einer späteren Aufteilung in unterschiedliche weiterführende Schulen (Matthewes, 2020; Piopiunik 2013) und die Teilnahme an einem Mentoringprogramm erhöht bei sozial benachteiligten Grundschulkindern die Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch (Falk et al., 2020). Im frühkindlichen Bereich kann eine personalisierte Unterstützung die Kita-Inanspruchnahme von bildungsferneren Familien deutlich erhöhen (Hermes et al., 2021).

Die Idee dieses YES-Themas ist es, eine konkrete Maßnahme zu entwickeln, die mehr Chancengerechtigkeit für Kinder in eurer Umgebung (Kindertagesstätten, Kindergarten, Schule, Freizeit) herstellen kann. Die Initiative kann auch auf die Besonderheiten eurer Umgebung abgestimmt sein – beispielsweise durch eine Zusammenarbeit mit lokalen Firmen, Institutionen, Politiker:innen oder Universitäten. Eure Idee kann sich sowohl auf den Schulalltag als auch auf den Alltag in der Nachbarschaft beziehen.

Mögliche Fragestellungen:

  • Was versteht ihr unter Bildungsungerechtigkeit und Chancenungleichheit?
  • Habt ihr Bildungsungerechtigkeit in der Kindheit schon selbst oder in eurem Umfeld erlebt?
  • Welche anderen Maßnahmen fallen euch ein, um Chancengleichheit im Bildungswesen zu verbessern?
  • Wie können solche Initiativen langfristig, inklusiv und fair umgesetzt werden?
  • Welcher Nutzen entsteht kurz- und langfristig, welche Kosten (Zeit, Geld, Prozessänderungen, …)?
  • Wie könnte man diese Maßnahmen an eurer Schule / in eurem Umfeld / in Deutschland umsetzen?
Must-Read Literatur

Wößmann, L., F. Schoner, V. Freundl und F. Pfaehler (2023). Der ifo-„Ein Herz für Kinder“- Chancenmonitor: Wie (un-)gerecht sind die Bildungschancen von Kindern aus verschiedenen Familien in Deutschland verteilt? _ifo Schnelldienst_ 76(4), S. 29-47, 2023. https://www.ifo.de/publikationen/2023/aufsatz-zeitschrift/der-ifo-ein-herz-fuer-kinder-chancenmonitor

Weiterführende Literatur

Falk, A., F. Kosse und P. Pinger (2020). Chancengleichheit im Bildungssystem: Wie sich ein Mentorenprogramm auf die Schulwahl auswirkt. _Ökonomenstimme_. Abrufbar unter https://www.oekonomenstimme.org/articles/1704.

Hanushek, E. A., Schwerdt, G., Wiederhold, S. und Wößmann, L. (2015). Returns to Skills around the World: Evidence from PIAAC. _European Economic Review _73, S. 103-130. https://www.ifo.de/DocDL/WP_30002014001000.pdf

Hermes, H., P. Lergetporer, F. Peter, S. Wiederhold und V. Freundl (2021). Bewerbungsunterstützung erhöht die Kita-Inanspruchnahme von Kindern aus bildungsferneren Familien. _ifo Schnelldienst _74(9), S. 41-45. https://www.ifo.de/DocDL/sd-2021-09-lergetporer-etal-bewerbungsunterstuetzung-kita_0.pdf

Matthewes, S. H. (2020). Längeres gemeinsames Lernen macht einen Unterschied. _WZBrief Bildung _40, S. 1-9. Abrufbar unter https://bibliothek.wzb.eu/wzbrief-bildung/WZBriefBildung402020_matthewes.pdf

Oreopoulos, P. und K. G. Salvanes (2011). Priceless: The Nonpecuniary Benefits of Schooling. _Journal of Economic Perspectives_ 25(1), 159–184. (wird zur Verfügung gestellt)

Piopiunik, M. (2013). Die Einführung der sechsstufigen Realschule in Bayern: Evaluierung der Auswirkungen auf die Schülerleistungen. _ifo Schnelldienst _66(3), S. 22-28. https://www.ifo.de/publikationen/2013/aufsatz-zeitschrift/die-einfuehrung-der-sechsstufigen-realschule-bayern

Roemer, J. E. und A. Trannoy (2016). Equality of Opportunity: Theory and Measurement. _Journal of Economic Literature _54(4), S. 1288–1332. (wird zur Verfügung gestellt)

Hinweis vom YES!-Team

In der Informationsreihe „Wirtschaft verstehen, Zukunft gestalten“ veröffentlicht der Verein für Socialpolitik, einer der größten Vereinigungen von Wirtschaftswissenschaftler:innen aus dem deutschsprachigen Raum, unter dem Slogan „Wirtschaftsthemen – einfach erklärt“ Beiträge prominenter Mitglieder, die aktuelle Fragen unserer Zeit verständlich beantworten. Zu einigen Beiträgen gibt es zusätzlich kurze Videos und/oder Zeitungsartikel.

Besonders interessant für dieses YES!-Thema ist der Beitrag „Bildung: Schlüssel für Wachstum und sozialen Aufstieg?“ von Katharina Spieß, https://www.socialpolitik.de/de/bildung-schluessel-fuer-wachstum-und-sozialen-aufstieg.

Partnerinstitut

Logo ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München

Das Thema wird betreut von

Vera Freundl

Foto: ifo Institut

Vera Freundl ist Fachreferentin am Zentrum für Bildungsökonomik des ifo Instituts, München. Sie ist für das Forschungsmanagement des Bereichs zuständig und arbeitet z. B. zu Chancengerechtigkeit in der Bildung und zu repräsentativen Meinungsumfragen über Bildungspolitik in Deutschland.

Katharina Wedel

Foto: ifo Institut

Katharina Wedel ist Doktorandin am Zentrum für Bildungsökonomik des ifo Instituts in München. In ihrer Forschung untersucht sie die Wirksamkeit eines Mentoring-Programms für Schüler und Schülerinnen in Deutschland sowie Determinanten von Schülerleistungen, insbesondere den Einfluss von Unterrichtszeit.

Raphael Brade

Foto: ifo Institut

Raphael Brade ist Postdoc am ifo Zentrum für Bildungsökonomik am ifo Institut in München und hat an der Georg-August-Universität Göttingen promoviert. In seiner Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit der Frage, ob verhaltensökonomisch motivierte Maßnahmen und Informationsangebote wie freiwillige Zielvereinbarungen und relative Leistungsvergleiche den Studienerfolg von Studierenden erhöhen können.

Moritz Seebacher

Foto: ifo Institut

Moritz Seebacher ist Doktorand am Zentrum für Bildungsökonomik des ifo Instituts in München. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Rolle von Bildung auf dem Arbeitsmarkt und dem Zugang zu Bildung in Entwicklungsländern.