Damit der Landarzt nicht nur im Fernsehen kommt – Wie können wir die Gesundheitsversorgung auf dem Land sicherstellen?

von Johannes Hollenbach, Daniel Monsees, RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Rick Glaubitz, DIW Berlin – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Der Hausarzt ist über 60, findet keine Nachfolge für die Praxis. Das nächste Krankenhaus ist nur mit dem Auto zu erreichen, die Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde. Dort können nicht alle Behandlungen durchgeführt werden, die nächste große Klinik mit entsprechender Fachabteilung ist weit weg. In einigen Regionen Deutschlands gehören Probleme wie diese zum Alltag.
Insgesamt sind die medizinischen Versorgungskapazitäten in Deutschland hoch, aber es gibt regional große Unterschiede. Probleme bei der Versorgung gibt es vor allem im ländlichen Raum (Gerlach et al. 2014). Entscheidende Faktoren dabei sind unsere alternde Gesellschaft und der Wegzug – vor allem junger Menschen – aus dem ländlichen Raum in Städte. Allerdings leben noch rund 15 % aller Deutschen auf dem Land (hier: Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern). Der Altersdurchschnitt dort ist deutlich höher als in den Städten oder deren Umland (Zech 2018). Da ältere Menschen häufiger an (chronischen) Krankheiten leiden, fragen sie auch deutlich mehr Gesundheitsleistungen nach. Leider ist das Angebot auf dem Land zu niedrig, um allen eine gute gesundheitliche Versorgung zuteil kommen zu lassen. Niedergelassene Ärzte, die in Rente gehen, finden oft keine Nachfolge und Krankenhäuser haben Probleme, medizinisches Personal einzustellen. Neben der formellen Bereitstellung von Gesundheitsdienstleistungen sind auch informelle Versorgungskonzepte, wie z.B. die Pflege durch Angehörige durch die Alterung der ländlichen Gesellschaft gefährdet. Das Resultat sind unter anderem lange Wartezeiten auf Termine und lange Fahrzeiten zu Behandlungen. Beides kann besonders ältere Menschen vor große Probleme stellen, wodurch gerade sie von den negativen Entwicklungen betroffen sind.
Ermutigend ist, dass es bereits ein breites Spektrum an Maßnahmen gibt, die das Potenzial haben, die ländliche Versorgung zu verbessern. Delegationsmodelle, in denen Pflegekräfte ärztliche Tätigkeiten ausüben, entlasten die Hausärzte, bringen die Versorgung zu ihren Patienten und sorgen gleichzeitig dafür, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten. Genauso versuchen Patientenbusse, mobile Praxen und Telemedizin die medizinische Versorgung näher zu den Patientinnen und Patienten zu bringen (Kuhn et al. 2017). Inzwischen werden in einigen Gemeinden sogar hohe Prämien gezahlt, wenn junge Ärzte sich dort niederlassen.
Die Probleme sind regional sehr unterschiedlich. Wie sieht es in eurer Region aus? Welche Probleme gibt es? Welche Lösungsansätze werden bereits verfolgt? Welche Probleme tun sich bei der Umsetzung auf? Wenn möglich sprecht auch mit euren Großeltern über deren Sicht auf die Dinge, wenn sie auf dem Land wohnen. Welche Erlebnisse und Schwierigkeiten hatten oder haben sie in Bezug auf den Zugang zu Gesundheitsleistungen? Sucht euch anschließend einen konkreten Aspekt des Problems heraus (z.B. fehlender Nachwuchs bei Hausärzten, lange Fahrzeiten, oder Schwierigkeiten bei der Pflege von Angehörigen) und versucht, neue Lösungsansätze dafür zu finden, oder bestehende zu verbessern.

Must-Read Literatur

Bayerischer Rundfunk (2021). Ärztemangel und Kliniksterben: Wird der ländliche Raum abgehängt?. https://www.youtube.com/watch?v=p4KuZ2Zd1pc. Abgerufen am 05. Oktober 2021.

Bundeszentrale für politische Bildung (2017). Themenseite Gesundheitliche Versorgung in Stadt und Land. https://www.bpb.de/themen/gesundheit/gesundheitspolitik/253564/gesundheitliche-versorgung-in-stadt-und-land/. Abgerufen am 05. Oktober 2021.

Bundeszentrale für politische Bildung (2021). Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. https://www.bpb.de/themen/stadt-land/laendliche-raeume/334219/gesundheitsversorgung-im-laendlichen-raum/. Abgerufen am 05. Oktober 2021.

Giesel, F; Köhler, K.; Nowossadeck, E. (2013). Alt und immobil auf dem Land? – Mobilitätseinschränkungen älterer Menschen vor dem Hintergrund einer zunehmend problematischen Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen. Bundesgesundheitsblatt 56. 1418–1424. https://doi.org/10.1007/s00103-013-1832-0.

Weitere Literaturvorschläge

Gerlach, F.; Greiner, W.; Haubitz, M.; Schaeffer, D.; Thürmann, P.; Thüsing, G.; Wille, E. (2014). Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche. Gutachten 2014 – Kurzfassung. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Bonn/Berlin.

Kuhn, B.; Kleij, KS.; Liersch, S.; Steinhäuser, J.; Amelung, V. (2017). Which strategies might improve local primary healthcare in Germany? An explorative study from a local government point of view. BMC Family Practice 18, 105. https://doi.org/10.1186/s12875-017-0696-z.

Ono, T., M. Schoenstein; Buchan, J. (2014), Geographic Imbalances in Doctor Supply and Policy Responses, OECD Health Working Papers, No. 69, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/5jz5sq5ls1wl-en.

Zech, K. (2018, 03. August). Stadt und Land: eine Beziehungsgeschichte. deutschland.de https://www.deutschland.de/de/topic/leben/stadt-und-land-fakten-zu-urbanisierung-und-landflucht. Abgerufen am 09. Oktober 2022.

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Johannes Hollenbach
Johannes Hollenbach ist seit April 2021 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzbereich Gesundheit am RWI tätig. Zuvor studierte er Economics (M.Sc. in 2021) und Internationale Wirtschaft und Entwicklung (B.A. in 2018) an der Universität Bayreuth und absolvierte ein Auslandssemester an der Ajou University in Korea. Während seines Masterstudiums arbeitete er zudem als wissenschaftliche Hilfskraft an den Lehrstühlen für Entwicklungsökonomik und Institutionenökonomik an der Universität Bayreuth.
Sein Forschungsinteresse gilt der empirischen Gesundheitsökonomik, insb. der Ökonomik des Alterns, mentaler Gesundheit sowie der Bildungsökonomik.

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Rick Glaubitz

Rick Glaubitz ist seit 2019 Doktorand des Promotionskollegs „Steuer- und Sozialpolitik bei wachsender Ungleichheit“ der Freien Universität Berlin. Er ist zudem Gastwissenschaftler am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Einkommens- und Vermögensverteilung in der langen Frist, Auswirkungen des Steuer- und Transfersystems auf das Arbeitsmarktverhalten im Haushaltskontext und Gesundheitsökonomie.

Daniel Monsees

Daniel Monsees ist seit August 2021 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzbereich Gesundheit am RWI tätig. Zuvor studierte er Volkswirtschaftslehre (B.Sc. in 2018) und Gesundheitsökonomik (M.Sc. 2021) an der Universität Duisburg-Essen. Während seines Studiums arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft an der FOM im Bereich „Support Forschung“ und am RWI im Kompetenzbereich „Gesundheit“.
Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Gesundheitsökonomik und angewandten Mikroökonometrie.